28. Mai 2004
Der Tisch, an dem wir in Pauls Keller unsere Skatabende verbringen, steht ziemlich dicht an der Bar. Paul hatte eine ganze Weile herumexperimentiert, bis die Idealposition gefunden war, die einerseits unbeengtes und gemütliches Sitzen, anderseits schnellen und bequemen Zugriff auf gut gekühlte Brauereiprodukte ermöglichte. Seine Standortwahl hat einen weiteren Vorteil: es ist ausreichend hell, um Karten und Mitspieler auch bei Dauer-Nikotinverbrennung deutlich erkennen zu können, jedoch nicht so hell, dass das Licht bis in die hinterste Ecke reicht. In dieser nämlich stapelt sich, was Paul »seine Sammlung«, Pauls Gemahlin hingegen »einen kuriosen Müllberg« nennt.
Während wir auf den Rest der Mannschaft warten und die ersten Bierflaschen ihrer natürlichen Bestimmung zuführen, fällt mir ein Teleskop auf, das ein Stückchen vor diesem Gerümpelhaufen steht, der vorwiegend Materialreste diverser von Paul begonnener und dann ad acta gelegter Freizeitprojekte enthält.
»Schau an«, sage ich. »Bist du jetzt unter die Hobbyastronomen gegangen?«
Paul nippt an seinem Bier, blinzelt zu dem Teleskop hinüber und zuckt dann mit den Schultern. »Hab's mal ausprobiert. Aber entweder ist der Himmel voller Wolken, oder es ist zu hell, um alle Sterne zu sehen.«
»Na ja.« Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Alle Sterne wird wohl kaum jemand schon gesehen haben.«
»Stimmt«, gibt Paul zu. »Wenn du Lust hast, können wir nachher mal schauen, ob wir einen neuen entdecken. Und den nenn wir dann 'Paul sein Sternchen'.«Wer wissen will welche Sterne nächtens am Himmel stehen, findet im Internet diverse Webseiten und Datenbanken, die ihn mit entsprechenden Informationen versorgen. Es gibt aber auch Nachschlagewerke im Netz, die sich mit nicht ganz so realen Sonnen und Planeten beschäftigen - jenen, zu denen uns allwöchentlich der Erbe des Universums auf seinen Streifzügen durch diese oder jene Galaxis entführt. Beispielsweise die PR Base (
http://www.math.uni-wuppertal.de/~axel/pr/) mit ihren tollen 3D-Karten, die Galaxiendatenbank (
http://www.galaxiendb.proc.org/) oder der Sternenatlas von Stefan Koch.
Zu PERRY RHODAN kam Stefan - wie viele andere - durch die Familie. In seinem Fall war es der ältere Bruder, der bis Anfang der 1980er Jahre die Erstauflage las, seine Sammlung durch zusätzliche Flohmarkt-Käufe ergänzte, und den kleinen Bruder die oft zungenbrecherischen Namen der Hauptpersonen vorlesen ließ. Nicht ohne Folgen: irgendwann übernahm Stefan die Hefte, erweiterte den Bestand durch Zukäufe aus der vierten Auflage und tauchte immer tiefer in das Perryversum ein. Zwar fordert auch bei ihm mittlerweile der Beruf seinen Zoll, so dass er sich vorwiegend auf die silbernen und blauen Hardcover der Serie konzentriert, doch über die aktuellen Geschehnisse der Erstauflage hält sich Stefan weiter auf dem Laufenden, und verfolgt auch den einen oder anderen Serienableger, wie etwa derzeit den Atlan-Minizyklus. »Inzwischen sind es gut zwanzig Jahre«, verrät er, »in denen Rhodan & Co. meine Freizeit bereichert haben. Enttäuschungen gab es in der Serie selten - jede Entwicklung in PR hat, beeinflusst durch aktuelle Ereignisse in der realen Gegenwart, seine Höhen und Tiefen gehabt. Genervt hat mich nur etwas, dass Akonen und Aras zu Beginn der Serie fast immer die Bösewichter schlechthin waren.«
Zusätzlich zu PERRY RHODAN finden sich in Stefans Bücherschrank auch einige »Raumpatrouille ORION«-Romane von Hans Kneifel, ein paar Bücher zur alten Reihe »Planet der Affen«, der »Anhalter« von Douglas Adams, sowie einige Parallel- und Alternativweltgeschichten, wie etwa Philip K. Dicks »Das Orakel vom Berge« oder Ward Moores »Der große Süden«.
Obwohl Stefan nicht mehr ganz so oft zum Lesen kommt, seit er voll im Berufsleben steht, ist ironischerweise gerade seine Ausbildung Schuld daran, dass er das Projekt Sternenatlas begonnen hat. Als gelernter Kartograph hat er zwar eher mit Land- und Straßenkarten zu tun, doch als er im Frühjahr 2003 auf die 3D-Milchstraßendarstellung von Axel Rogat (
http://www.math.uni-wuppertal.de/~axel/pr/) stieß, war er davon so fasziniert, dass er sich selbst ans Werk machte.
»Im Gegensatz zu Axel wollte ich mit festen Größen und Abmessungen, also mit einer gewissen Schulbuch-Mentalität arbeiten«, berichtet er. »Durch diesen ganz anderen Aufbau ist dann der Sternenatlas schließlich auch mehr eine Ergänzung als ein 'Konkurrenzprodukt' zu den 3D-Karten geworden.« Daher besticht das Ergebnis eher durch klare, leicht verständliche Linien und Konturen als durch komplexe Javascript-Programme.
Zunächst hat Stefan erste Entwürfe der Sterne und anderer Objekte mit der Grafiksoftware »FreeHand« angefertigt und am grundlegenden Design - etwa Strichstärken und Schriftarten - gebastelt. Bald kam ihm die Idee, durch kleine, animierte Gifs zusätzlich ein wenig Bewegung in die Karten zu bringen: etwa, indem ein Doppelstern nicht nur als solcher erkennbar, sondern gleich auch rotierend dargestellt wird. Danach kam der kompliziertere Teil: die Entwicklung eines Gitternetzes für die Milchstraße. Um zu klären, in welchem Maßstab die verschiedensten Schauplätze des rhodan'schen Universums am Besten zu visualisieren waren, war aber zunächst eines erforderlich: ein großer Packen Daten; und hier insbesondere möglichst genaue Koordinaten. Nach ersten Versuchen, anhand von Angaben in den Romanen und Glossareinträgen und mit Hilfe des guten, alten Pythagoras die benötigten Eckwerte selbst zu ermitteln, gab Stefan schnell wieder auf: abgesehen davon, dass er für Monate den Taschenrechner nicht hätte aus der Hand legen dürfen, hatten andere diese Arbeit längst geleistet. Also wandte Stefan sich direkt an die Quelle: Rainer Castor. Nachdem er ihn von seinem Projekt hatte überzeugen können, übersandte Rainer eine Tabelle mit allen relevanten Daten. Jetzt konnte es richtig losgehen!
Da Perry Rhodans Welten über ganze Galaxien verstreut sind und sich so in der Darstellung teils größere Ballungen, teils noch größere Leerräume ergeben, entschloss sich Stefan zu drei Maßstabsreihen: Quadranten zu 10.000 und 5.000 Lichtjahren sowie zusätzliche Detailkarten. Um nun das Ergebnis mit Leben - oder besser: Informationen - zu füllen, wurden in mehrwöchiger Arbeit die Daten zu den Sonnensystemen aus dem fünfbändigen PR-Lexikon und diversen Heftromanen in das Projekt übertragen, alles in HTML kodiert und verlinkt und zuletzt die Benutzerführung integriert.
Stefan war noch mitten in der Arbeit, als er zur Klärung von Copyrightfragen - schließlich floss reichlich Material der Rhodan-Serie in sein Projekt ein - mit Klaus N. Frick und in der Folge mit Miriam Hofheinz in Kontakt trat. Über die Monate hielt er Miriam immer wieder mit aktuellen Arbeitsproben auf dem Laufenden. Das Ergebnis ist nun ein Kartenwerk, welches in Sachen Aktualität der PR-Erstauflage recht nahe kommt, aufgrund der fortlaufenden Handlung aber längst nicht abgeschlossen ist.
Denn genau wie am realen Nachthimmel gibt es auch im Perryversum immer neue Sonnen und Planeten, die in den Sternenatlas eingepflegt sein wollen.
misc