18. Juni 2003
»Schau mal«, begrüße ich Paul am nächsten Skatabend und drücke ihm einen kleinen Stapel zusammengehefteter Blätter in die Hand. »Noch ein Comic.«
Paul blättert die Seiten durch und hebt anerkennend die Augenbrauen. »Cool! Franko- belgische Schule. Da könnte man ja glatt sentimental werden. Wo hast du denn das her?« »Aus dem Netz natürlich. Von einer deutschen Seite, keiner belgischen.«
Paul grinst. »Damit meinte ich die Art, wie es gezeichnet ist. Hast du früher keine Comics gelesen?«
»Klar doch«, antworte ich. »Prinz Eisenherz zum Beispiel.«
»Das waren noch Zeiten, was?« Paul lehnt sich zurück und blättert die Seiten erneut durch, diesmal etwas langsamer. »Kein Vergleich zu den Mangas, die Junior ständig anschleppt«, erklärt er schließlich. »Aber das ist natürlich Geschmackssache. Gibt's noch mehr als die paar Seiten?«
»Noch nicht, aber der nächste Upload steht schon an. Schieb mal den Stift rüber, ich schreibe dir die Adresse auf.«
»Fein«, sagt Paul. »Wenn ich zweiunddreißig Seiten zusammen habe, mache ich mir ein Kartenspiel daraus.«Gut fünf Jahre hat es gedauert, bis Dr. Andreas Hofmann und Bernd Maier-Leppla ihre gemeinsame Arbeit an einer Comic-Umsetzung des PR-Romans »Amoklauf der Mutanten« von William Voltz ins Internet stellten. Natürlich wurde nicht während der ganzen Zeit an dem Comic gearbeitet: Nach der ersten Sturm- und Drangphase wäre das Ganze beinahe ins Nirwana unvollendeter Projekte eingegangen. Denn zu der nach den ersten Entwürfen und Skizzen aufkeimenden ernüchternden Erkenntnis, vor einem Riesenberg an Arbeit zu stehen, gesellten sich noch berufliche Turbulenzen und mehrere Neuansätze bei Plot und Zeichnungen. Trotzdem rafften sich Andreas und Bernd dann doch noch einmal auf, um innerhalb von »nur« sechs Monaten den Comicband so gut wie fertig zu stellen.
Die nächste Enttäuschung folgte jedoch auf dem Fuße: für ein solches Werk, so die Aussage diverser Verlage, gäbe es derzeit in Deutschland keinen Markt. Und bei VPM selbst kam natürlich hinzu, dass man gerade ein eigenes Comic-Projekt plante. Dennoch glaubt Bernd, dass speziell das von ihm und Andreas gewählte Format durchaus seine Liebhaber finden würde: »Das Comic-Album ist etwas für Leser, die wie wir mit Perry Rhodan groß geworden sind«, erklärt er. »Damit spricht es die kaufkräftige Altersgruppe zwischen 30 und 50 besonders an und könnte daher als Add-on platziert werden.«
Da sich kein Verleger finden ließ, beschlossen Andreas und Bernd kurzerhand, ihr Werk als Fan-Projekt ins Internet zu stellen. Und die teils sehr begeisterten Reaktionen scheinen ihnen in ihrer Einschätzung Recht zu geben.
Das positive Echo mag nicht nur an der Umsetzung, sondern auch am Plot selbst liegen. Nicht ohne Grund wurde mit der Second Genesis Krise ein Abschnitt der Rhodan-Serie gewählt, auf den zwar im Cappin-Zyklus eingegangen wird, der aber weitgehend im Dunkeln liegt und daher viel Freiraum für eigene Ideen lässt. Hinzu kommt dann noch der Reiz des Themas Unsterblichkeit - eine Mischung, die spannendes Lesevergnügen verspricht.
Während Andreas die Szenarios schreibt - »Bild (Seite füllend): Im Hintergrund des Alls Sol und Saturn, CREST und RODENSTAAD im Vordergrund« -, ist Bernd für die Bildgestaltung zuständig. Ganz strikt getrennt ist die Aufgabenverteilung jedoch nicht. Natürlich werden die Bildentwürfe diskutiert, die Dialoge gelegentlich angepasst.
»Es gibt immer auf beiden Seiten Raum für Interpretationen«, meint Bernd und begreift die Zusammenarbeit mit Andreas als gelungene Symbiose unterschiedlicher Talente.
Übrigens: ganz von Hand gezeichnet ist »Jagd nach der Unsterblichkeit« nicht. Koloriert wird mit Photoshop, das komplette Layout wurde mit INDESIGN 2.0 erstellt und liegt dadurch bereits in voller Druckauflösung vor. Und auch der »Splash«, also die Aufmacherseite, basiert auf einer mit CINEMA 4D erstellten Grafik.
»Diese Art von Medienbruch«, erklärt Bernd, »ist beinahe so etwas wie eine spezielle Handschrift geworden«. Und dass er auch die beherrscht, zeigt die Darstellung der CREST XII in einem Asteroidenfeld.
Davon abgesehen befindet sich »Jagd nach der Unsterblichkeit« bei Einsatz derartiger Techniken durchaus in guter Gesellschaft. In »LIBERTY« von Frank Miller und Dave Gibbons etwa wird ebenfalls mit 3D-Hintergründen gearbeitet.
Aber ob von Hand gezeichnet oder am Computer generiert: der Spaß am Projekt soll weiterhin im Vordergrund stehen. Da lassen Andreas und Bernd auf ihrer Webseite auch gar nicht erst Zweifel aufkommen. »Wir wollen einfach Fun haben«, steht dort, »beim Zeichnen, Szenarien schreiben und den Fun teilen!«
Na bitte. Bingo!
misc