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Kurzinfo
 Das Alptraumreich des Edward Moon
von Jonathan Barnes
ISBN: 978-3492701570






25. August 2008

Klaus N. Frick empfiehlt:
Ein irrwitziger Fantasy-Trip durch London

 
Immer mal wieder kommt es vor, dass der Erstlingsroman eines jungen Schriftstellers mit einem großen »Boah« empfangen wird. So ging es Jonathan Barnes, dessen fantastischer Roman »The Somnambulist« im letzten Jahr mit großer Begeisterung von der britischen Presse aufgenommen wurde. Der Autor, gerade mal anfangs der dreißig, war in Großbritannien allerdings bereits als Journalist und Essayist bekannt, also kein kompletter Newcomer. Sei's drum: Seit einigen Monaten liegt der Roman unter dem etwas sperrigen Titel »Das Alptraumreich des Edward Moon« auch in deutscher Übersetzung vor.

Zum seltsam klingenden Titel kommt ein Rückentext, der seinesgleichen sucht und den ich deshalb zitieren muss: »Seien Sie gewarnt. Dieses Buch besitzt keinen wie auch immer gearteten literarischen Wert. Dieser Roman ist ein grässliches Konvolut von Unsinnigkeiten, bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren, geschrieben in öder Prosa, oft genug lächerlich und durchweg bizarr.«

Was sich schon im Rückentext abzeichnet, wird im Roman konsequent weitergeführt: Jonathan Barnes führt die Leser in das London des Jahres 1901, in die Hauptstadt des britischen Weltreiches, in der es von schrägen Gestalten nur zu wimmeln scheint. Sein Held ist Edward Moon, ein Zauberer und Detektiv, dessen große Zeit schon lange verstrichen ist; in Begleitung des mysteriösen Schlafwandlers, eines zwei Meter großen Giganten, der kein Wort spricht, löst er dennoch seit vielen Jahren allerlei Mordfälle. Doch jetzt kommt ein Fall auf ihn zu, der sogar sein Weltbild zum Zittern und Wackeln bringt ...

Das London, das Barnes zeichnet, ist ein wahres Alptraumreich, eine Welt in düsterem Nebel, in dem Geheimbünde wirken und Hellseher ihre seltsamen Prophezeiungen sprechen.

Drittklassige Schauspieler bevölkern diese Welt ebenso wie merkwürdige Fliegenmenschen und andere Absurditäten. Sie sprechen in verschlungenen Dialogen und neigen zu grausigem Pathos - das alles in einem rasanten Stil erzählt, der einen immer tiefer in das Geschehen hineinzieht.

Der Erzähler, der diesen Roman vor den Augen des Lesers ausbreitet, ist kein gewöhnlicher Erzähler, wie man ihn aus zahllosen Romanen kennt: Während er seine Geschichte berichtet, wechselt er die Erzählperspektive, hält gewissermaßen inne und kommuniziert direkt mit dem Leser, stellt seine persönliche Sicht dar und kritisiert gelegentlich die Handlungsweise seiner Figuren. Das ist originell und witzig und sorgt für zusätzlichen Reiz.

Ich will nicht verschweigen, dass das Buch seine Schwächen hat und dass es manchmal ein wenig nervt, wenn immer mehr absurde Szenen einander folgen. Zeitweise hatte ich das Gefühl, dass nicht nur ich als Leser den Zusammenhang ein wenig verloren hatte, sondern dass auch der Autor beim Verfassen seines Romans nicht immer so richtig wusste, wie er die Fäden in der Hand halten sollte. Unterm Strich störte es nicht sonderlich; ich wunderte mich gelegentlich und las über die entsprechenden Stellen hinweg.

Was aber nach erfolgter Lektüre bleibt, ist ein phantastischer Roman, wie man ihn selten zu Gesicht bekommt. Wer auf Genre-Einteilungen steht, darf gern den Begriff »Urban Fantasy« benutzen. In gewisser Weise reiht sich das Werk in eine Reihe mit anderen großartigen London-Romanen ein, von denen Neil Gaimans »Niemalsland« das wohl bekannteste ist, zu denen ich aber auch Tim Powers und sein »Tore zu Anubis Reich« oder Christopher Fowlers Horror-Krimi »Über den Dächern von London« zählt.

Wer Fantasy mag, sich aber von den vielen fantasielosen Werken der letzten Jahre gelangweilt sieht, sollte sich diesen Ausflug ins Reich der Zauberer und Killer in Schuljungen-Verkleidung, der knallharten Ermittler, unglaublichen Zeitreisenden und charakterlosen Bösewichte gönnen. Er wird ihn nicht bereuen und wird mit intelligenter Fantasy vom Feinsten belohnt.

Erschienen ist das Buch als Hardcover im  Piper-Verlag; für die sorgsame Übersetzung zeichnet Biggy Winter verantwortlich. Die 399 Seiten kosten als Hardcover 19,90 Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3-492-70157-0 ist der Roman in jeder Buchhandlung zu bestellen, ebenso über Versender wie amazon.de.

 Klaus N. Frick