21. August 2008
Cory Doctorow gilt zu Recht als Visionär - der Mann ist gebürtiger Kanadier, lebt ganz normal im »Hier und Jetzt«, zählt aber zu den Menschen, die sich intensiv mit dem Internet, seiner aktuellen Erscheinungsweise und dessen Zukunft beschäftigen. Doctorow gehört zu den fähigsten Köpfen der nordamerikanischen Internet-Branche, und seine Texte werden oft zitiert - er kann tatsächlich von seinen Blog-Texten leben.
»Backup« war sein erster Roman, der seit fast einem Jahr auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt, und in diesem Werk setzt Doctorow viel von dem um, was er in der aktuellen Internet-Entwicklung sieht. Die Zukunft seines Romans ist nicht so weit von der unseren entfernt, vielleicht hundert Jahre oder mehr, aber sie unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht.
Regierungen haben praktisch ausgedient, statt dessen haben die sogenannten Ad-hoc-kratien deren Arbeit übernommen. Im Prinzip handelt es sich dabei um Gruppen unterschiedlichster Natur, die gemeinsam arbeiten, Themen besetzen und sich austauschen - eine Art Basisdemokratie, die ganze Länder befallen hat. Bezahlt wird nicht mehr in Geld, sondern in sogenannten Woppeln: Je mehr Ansehen man errungen hat (die Fortsetzung der »friends« bei Myspace und anderen sozialen Netzwerken gewissermaßen), desto wertiger ist man, und desto mehr kann man in der Gesellschaft erringen.
Das wichtigste bei alledem: Man kann praktisch nicht mehr sterben. Körperlich zwar auf jeden Fall, aber nicht mehr unbedingt geistig. Die Gesellschaft, die Doctorow beschreibt, ist nämlich in der Lage, das Bewusstsein eines Menschen elektronisch zu speichern - bevor man stirbt, überschreibt man einfach die aktuelle Sicherheitskopie in einen neuen Körper. Wenn jemand unverhofft einen Unfalltod stirbt oder er ermordet wird, ist das auch kein Problem: Man holt eben die letzte Sicherheitskopie aus dem Rechner und überspielt sie auf einen frisch geklonten Körper. Und wer auf all das keine Lust hat, der lässt sich einfach für hundert oder tausend Jahre einfrieren ...
In dieser Welt lebt Julius, der Held dieses nicht sehr umfangreichen Romans. Obwohl er schon über hundert Jahre alt ist, besitzt er einen jugendlichen Körper und hat eine sehr junge Freundin. Sein Leben verbringt er im Disneyland in Florida, in dem der Roman größtenteils spielt. Als ein Unbekannter ihn ermordet, wird ihm - nach dem »Backup« in einem neuen Körper - klar, dass irgend etwas nicht stimmt. Ein Kampf um das Spukschloss des Disneylands beginnt, in dem Julius alle Schattenseiten seiner aktuellen Welt kennenlernt ...
Im ersten Moment mag das kompliziert klingen - das aber ist es nicht. Hat man die ersten zwei Kapitel überstanden, in denen man die Welt der Zukunft und ihre zahlreichen Begriffe um die Ohren gehauen bekommt, wird man als Leser immer vertrauter mit diesem Disneyland, und man fängt an, mit Julius und seinem Kampf um seine Welt mitzufiebern. Interessante Charaktere und ein rasanter Fortschritt der Handlung sorgen dafür, dass man mitten im Geschehen steht und es nicht aus den Augen verlieren will.
Ganz klar: Nicht alles, was Doctorow schreibt, ist neu oder besonders originell. Der britische Autor Richard Morgan hat mit seinem »Unsterblichkeitsprogramm« und den Folgeromanen das Konzept des Bewusstseinsspeicherns bereits ausführlich präsentiert. Doctorow fügt viele neue Details hinzu, er erfindet die Bitchun-Gesellschaft und das Woppeln, und er stellt letzten Endes immer wieder die Fragen, was einen Menschen in seinem Kern ausmacht.
Selbstverständlich ist die »schöne neue Welt« nicht bis ins Detail durchdacht. Um so Banalitäten wie die aktuellen Hungersnöte in der Dritten Welt kümmern sich Internet-Aktivisten häufig nicht; also findet dieser Teil der Erde auch in Doctorows Buch nicht statt. Die Idee des »Backup«-Systems wird aber zu Ende gedacht - sie wird immer wieder neu variiert und trägt tatsächlich das ganze Buch in einer Weise, dass man andere Themen komplett ignoriert.
Die gute Übersetzung, die viele von den englischen Wortspielchen (die »Woppel« heißen im Original »Whuffies« ...) in nachvollziehbares Deutsch übertrug, stammt von Michael K. Iwoleit. Er hat es geschafft, den mit 287 Seiten recht schlanken Roman in eine flotte deutschsprachige Geschichte zu transportieren, die durchgehend Spaß macht. Witzig oder ironisch, wie der Klappentext es suggeriert, ist das Buch allerdings nicht unbedingt.
Wer sich mit der aktuellen Science Fiction beschäftigt, kommt an dem Roman tatsächlich nicht vorüber. Zum Preis von 7,95 Euro kann »Backup« in jeder Buchhandlung (die ISBN 978-3-453-52297-8 hilft hier weiter) oder über Versender wie amazon.de bestellt werden.
Da Doctorow seine Internet-Aktiväten konsequent durchzieht, stellt der 1971 geborene Autor deshalb seine Romane zum kostenlosen Download zur Verfügung. »Backup« gibt’s legal auf der
Heyne-Homepage zum
Download.
Dem Verkauf der gedruckten Bücher hat das übrigens nicht geschadet - ganz im Gegenteil. Längst hat sich eine Fan-Gemeinde um den umtriebigen Autor gebildet. Seine Blog-Einträge auf
www.craphound.com und
www.boingboing.net finden jeweils Hunderttausende von Lesern.
Klaus N. Frick
Klaus N. Frick