9. Juli 2008
Ich bin
Eschbach-Fan. Bekennender sogar. Was der in der Bretagne lebende Exil-Schwabe in den letzten Jahren veröffentlicht hat, gefiel mir durch die Bank. Trotzdem kann es passieren, dass ein Buch in den Stapel ungelesener Bücher rutscht und nach unten wandert, ohne genauer beachtet zu werden. Dies geschah mit »Kelwitts Stern« - aber nach geschätzten sechs Jahren habe ich die im
Lübbe-Verlag erschienene Taschenbuch-Ausgabe endlich gelesen.
Die Handlung lässt sich rasch erzählen: Kelwitt ist ein Außerirdischer, genauer gesagt, er stammt vom Planeten Jomburr, der irgendwo in der Milchstraße um seine Sonne kreist. Die Angehörigen seines von Fischen abstammenden Volkes haben längst die überlichtschnelle Raumfahrt entwickelt. Und jeder Neugeborene bekommt bei seiner Geburt einen Stern geschenkt, der quasi sein persönlicher Besitz wird.
Wer möchte, kann seinen Stern sogar besuchen, aber nur die wenigsten gehen auf diese Reise.
Doch Kelwitt, der daran glaubt, auf diese Weise mehr über seine Bestimmung herauszufinden, lässt sich zu seinem Stern fliegen. Sein Stern ist eine langweilige gelbe Sonne in einem völlig durchschnittlichen Spiralarm der Milchstraße; sie ist aber insofern auffallend, dass sie von neun Planeten umkreist wird, von denen einer sogar Leben aufweist - gemeint ist natürlich die Erde.
Wie nicht anders zu erwarten, geht einiges schief, und Kelwitt muss mit seinem Rettungsboot notlanden. Das geschieht ausgerechnet auf der Schwäbischen Alb, unweit irgendwelcher Dörfer, die praktisch niemand kennt - und außer einigen Bauern, einem verwirrten Agenten des Bundesnachrichtendienstes und einer Durchschnittsfamilie bekommt das auch niemand mit. Ehe Kelwitt so richtig nachdenken kann, ist er Gast in der Familie Mattek und erlebt »live«, wie die Erdenmenschen ticken und was sich alles abspielt, wenn ein Land auf Weihnachten zusteuert ...
Andreas Eschbach, der seine Karriere mit »lupenreiner« Science Fiction begann und längst ein erfolgreicher Thriller-Autor geworden ist, ohne seine Wurzeln zu verleugnen, verfasste diesen Roman im Jahr 1999. Nach einigen ernsthaften Werken war ihm danach, einen ironischen Roman zu schreiben - und »Kelwitts Stern« ist ironische und amüsante Unterhaltung, die sich extrem leicht lesen lässt.
Aus der Sicht eines Außerirdischen werden manche Gewohnheiten auf der Erde noch absurder, als sie für einen gewöhnlichen Menschen sein mögen. Der Blick auf die Welt wird dadurch »gebrochen«, dass es Kelwitt nicht in eine Schaltzentrale von Politik und Wirtschaft verschlägt, sondern in eine ländliche Gegend, die von Biederkeit und harmlosen Späßen geprägt ist. Die Kinder der Matteks haben ihre ganz normalen Probleme, während der Familienvater sein Neujahrsfeuerwerk im Kopf hat - und das damit zusammenhängende Geschäft, denn Mattek verdient sein Geld mit Feuerwerkskörpern.
Es gibt und gab Leser, die diesen Roman überhaupt nicht mochten. Das mag daran liegen, dass er ausgerechnet im tiefsten Schwaben spielt - eine Gegend, die
Eschbach sehr gut kennt -, kann aber auch seinen Grund darin haben, dass »Kelwitts Stern« in positiver Weise sehr respektlos ist. Der Autor nimmt mit dauerndem Augenzwinkern nicht nur gesellschaftliche Aktivitäten aufs Korn, sondern macht sich nebenbei über Klischees der Science Fiction lustig: Natürlich haben die Mattek-Kinder die einschlägigen Filme und Fernsehserien gesehen und wissen von daher bestens darüber Bescheid, wie man mit Außerirdischen verkehrt ...
Andererseits ist »Kelwitts Stern« ein toller Roman für Einsteiger. Wenn ihr jemanden kennt, der partout nichts mit Science Fiction anfangen kann, drückt ihm dieses Buch in die Hand - das ist für jedermann kapierbar.
Eschbachs Werk ist superleicht zu lesen und macht wirklich Spaß; auch und gerade Jugendliche finden hier einen leichten Zugang. Mein Tipp also nicht nur zum Selbstlesen, sondern auch zum gezielten Verschenken.
»Kelwitts Stern«, im Jahr 1999 als Hardcover erschienen, liegt seit einigen Jahren als Taschenbuch bei
Bastei-Lübbe vor. Es umfasst 445 Seiten und kostet 7,95 Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3-404-23232-1 könnt ihr das Buch in jeder Buchhandlung bestellen; natürlich ebenso bei Versendern wie amazon.de.
Klaus N. Frick