2. Juli 2008
Michael Shea habe ich anlässlich des SF-WorldCons in Anaheim in Kalifornien kennengelernt: Der Amerikaner entpuppte sich als alterslos erscheinender Typ mit langen blonden Haaren, die er mit einem Stirnband bändigte, und einem lauten Humor. Er lachte gern, und wenn er redete, gestikulierte er heftig. Ich fand ihn sehr sympathisch.
Heutzutage ist der Schriftsteller kaum noch bekannt, zumindest hierzulande. Dabei hat er zweimal den World Fantasy Award gewonnen, den wichtigsten Preis für Fantasy-Literatur. Bei
Fantasy Productions erschien im März 2008 sein Erstlingswerk, der Kurzroman »Cugel in der Unterwelt«, der auf nur 170 Seiten ein größeres Maß an Ideenvielfalt bringt als ein durchschnittlicher Fantasy-Wälzer mit 800 und mehr Seiten.
Cugel ist ein Magier auf einer Erde, die ihrem Untergang entgegen dämmert. Unter einer dunkelroten Sonne zerfallen die Städte der Menschheit, und die letzten Menschen versuchen mit Hilfe von Magie und der nackten Gewalt der Schwerter zu überleben. Alptraumhafte Gestalten hausen in den Ruinen, und monströse Geheimnisse lauern in den Gebirgen und Wüsten der Welt. Durch diese Welt bewegt sich Cugel von Abenteuer zu Abenteuer.
Wer sich mit der Fantasy-Literatur ein wenig auskennt, wird wissen, dass Cugel eine Erfindung des Schriftstellers Jack Vance ist. Dessen Kurzgeschichten, die vor allem in den sechziger Jahren zur Spitze der Fantasy zählten, strotzten vor Ideenreichtum, Ironie und Fantasie gleichermaßen. Michael Shea fragte in den frühen 70er Jahren, ob er Cugel für einen eigenen Roman benutzen dürfte. Er durfte - und das Ergebnis erschien 1974 als »Cugel in der Unterwelt«. In Deutschland wurde der Roman erstmals in den späten 70er Jahren publiziert, jetzt liegt die bearbeitete Neuauflage vor.
Man merkt dem Roman an, dass er anfangs der siebziger Jahre erschien und ein absolutes Frühwerk von Michael Shea ist: Vieles wirkt ein wenig unausgegoren und nur »angerissen«, man müsste vor allem unter heutigen Gesichtspunkten mehr Material hineinpacken. Im Prinzip handelt es sich um eine Abfolge von Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung verbunden sind, nicht um einen Roman mit einer einheitlichen Spannungskurve. Wer mag, darf das ganze als Episodenroman bezeichnen.
Die einzelnen Kapitel sind häufig von einer ironischen Note gekennzeichnet und schildern Cugel und seine Begleiter nur selten als große, tapfere Helden. Meist stolpern sie von einem Abenteuer ins nächste, schlagen sich mal mit Kannibalen und mal mit Erzengeln und Kreaturen der Unterwelt herum. Das ist skurril erzählt und macht Spaß - zumindest dann, wenn man Lust darauf hat, dem Autor bei seinen schrägen Ideen zuzuschauen.
Ich unterhielt mich auf jeden Fall bestens, obwohl - oder gerade weil - »Cugel in der Unterwelt« in gewisser Weise ein altmodischer Roman ist. In den 70er Jahren war Fantasy weit davon entfernt, eine massenkompatible Literatur zu sein, und das belegt Michael Sheas Werk eindrucksvoll.
Das Taschenbuch hat - wie schon erwähnt - einen Umfang von 170 Seiten; es kostet acht Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3-89064-470-7 gibt's das Werk in jeder Buchhandlung oder über Versender wie amazon.de zu bestellen.
Klaus N. Frick