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Kurzinfo
 Die Zukunft in der Tasche
von Dr. Rainer Eisfeld
ISBN: 978-3-940679-11-6






25. Juni 2008

Klaus N. Frick empfiehlt:
Pflichtlektüre für SF-Historiker

 
Die 50er Jahre müssen, glaubt man Zeitgenossen und entsprechenden Medienberichten, eine sehr spannende Zeit gewesen sein, vor allem für junge Leute: Nazi-Diktatur und Krieg waren vorüber, überall rührte sich in den Trümmern frisches Leben, und das Wirtschaftswunder brachte zumindest dem Westen des geteilten Deutschlands einen spürbaren Aufschwung, der auch die »unteren Schichten« erreichte. Rock'n'Roll und Kaugummi, Jeans-Hosen und Comic-Hefte veränderten die jungen Leute - und mit Science Fiction kam eine aufregende Literaturgattung ins Land.

Mit seinem Buch »Die Zukunft in der Tasche« schildert Dr. Rainer Eisfeld, Jahrgang 1941, wie sich in den fünfziger Jahren eine Subkultur entwickelte, die anfangs vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen geprägt wurde: das sogenannte Fandom, die Gemeinschaft der Science-Fiction-Fans. Eisfeld, der seit den 70er Jahren als Professor für Politikwissenschaften an der Universität Osnabrück lehrte und forschte, kennt sich mit der sich entwickelnden Szene gut aus: Jahrelang mischte er aktiv mit, bevor er sich für die universitäre Laufbahn entschied.

Sein Sachbuch, das sich aus eigenen Erinnerungen und zahlreichen Dokumenten speist, erschien im kleinen Verlag Dieter von Reeken und behandelt die Jahre 1955 bis 1960. Unter Federführung von  Walter Ernsting, der unter dem Pseudonym  Clark Darlton selbst Science Fiction in deutscher Sprache veröffentlichte und später als Mitbegründer der PERRY RHODAN-Serie weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde, gründete sich 1955 der  Science Fiction-Club Deutschland e.V. (SFCD). Das Fanzine »Andromeda«, das bis heute erscheint, wurde zum ersten regelmäßig erscheinenden Fanzine in deutscher Sprache überhaupt: auf Matritzen geschrieben und von Hand mit einer sogenannten Umdruck-Maschine kopiert.

Der Verein wuchs rasant, weil Tausende junger Leute geradezu nach Informationen über die neue Literaturgattung lechzten. Utopisch-phantastische Literatur hatte es zwar auch vor dem Zweiten Weltkrieg in deutscher Sprache gegeben - Hans Dominik und Kurd Lasswitz waren die bekanntesten Autoren -; aber was jetzt aus den USA und Großbritannien kam, las sich anders: frischer, wissenschaftlicher und moderner.

Doch rasch kam es zu Konflikten zwischen den einzelnen Fraktionen des Vereins; mancherorts wurden die Geschäfte einzelner Autoren und der Verlage wichtiger als der gemeinsame Gedanke. Gleichzeitig entstanden zahlreiche neue Fanzines und Vereinigungen; die Szene fächerte sich auf und entwickelte eigene Regeln und Rituale. So gut wie alle Menschen, die in den 60er und 70er Jahren beruflich mit Science Fiction zu tun hatten, begannen mit dem SFCD - der Einfluss der ersten Gründungswelle erstreckt sich somit bis in die heutige Zeit.

Eisfelds Buch ist keine nüchterne Geschichtsschreibung, es ist auch kein »fannischer« Rückblick: Der emeritierte Professor verbindet in seinem Buch wissenschaftliche Arbeit mit Anekdoten, liefert damit einen rundum unterhaltsamen Rückblick auf fünf Jahre, die für das Science-Fiction-Fandom prägend waren. Zahlreiche Abbildungen, teilweise vierfarbig und meist in hervorragender Qualität, illustrieren das Geschehen: Gezeigt werden Titelbilder ebenso wie Foto-Dokumente der skurrilen Fan-Veranstaltungen jener Jahre.

In »Die Zukunft in der Tasche« wird eine Jugendbewegung lebendig, die im Verborgenen blieb: Ihre Angehörigen trugen Jacketts und häufig Krawatten, sie gaben sich Mühe, bei ihren Vorträgen und Diskussionen möglichst seriös zu wirken. Ihre Ablehnung der Erwachsenenwelt äußerte sich höchstens darin, dass sie etwas völlig anderes lasen als die »Alten« und dass sie einer »Schmutz und Schund«-Kampagne trotzten. (Natürlich gab es auch erwachsene Fans; schaut man sich aber die Bilder an, sieht man vor allem junge Männer zwischen 15 und 28 Jahren.)

Das Buch ist eine wichtige Lektüre für all jene, die sich entweder für die Geschichte der Science Fiction oder eben für die Geschichte der Jugendkulturen interessieren. Problematisch ist höchstens, dass Eisfeld gewisse Vorkenntnisse voraussetzt. Wer die einschlägigen Science-Fiction-Titel nicht kennt, wird nicht unbedingt alles verstehen - für das Gesamtverständnis des Buches dürfte das aber kein Problem sein. Die zahlreichen Informationen und Bilder sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis sind aber für jeden Interessenten eine gigantische Fundgrube.

Ich habe »Die Zukunft in der Tasche« mit großer Begeisterung gelesen: Ohne dass dieses Sachbuch belehrend daherkommt oder in der Vergangenheit verweilt, gibt es spannende Eindrücke in die fünfziger Jahre in Westdeutschland, die in offiziellen Geschichtsbüchtern nicht zu lesen sind.

Das Buch ist als Taschenbuch in einem sehr kleinen Verlag erschienen und umfasst 216 Seiten. Aufgrund der niedrigen Auflage und der hervorragenden Bildqualität ist der Preis von 25 Euro zwar hoch, meiner Ansicht nach dem Inhalt aber absolut angemessen. Dank der ISBN 978-3-940679-11-6 kann das Buch in jeder Buchhandlung oder über Versender wie amazon.de bezogen werden; wer direkt beim  Verlag bestellt, unterstützt einen engagierten Kleinverleger.

 Klaus N. Frick