5. März 2008
Wohl selten hat mich ein Roman so gepackt wie »Terror« von Dan Simmons: Tagelang fieberte ich, während ich die Seiten des Romans buchstäblich »geistig« in mich hineinsaugte. Ich litt mit den Hauptfiguren des Romans, ich fühlte die Kälte in ihren Gliedern, und ich verspürte fast schon die Angst der Helden, im ewigen Eis zu sterben. »Terror« war im Winter 2007/08 der Roman, der mich nicht mehr los ließ - ein Meisterwerk, das in meinen Augen zu den besten Büchern des Jahres 2007 zählt.
Doch jetzt erst mal der Reihe nach ...
Die »Terror« ist ein Schiff, und nach diesem Schiff ist der Roman benannt. Die »Terror« und die »Erebus« gelten Mitte des 19. Jahrhunderts als die modernsten Schiffe der Welt, die alle Eigenschaften von Segelschiffen mit der neuartigen Dampfkraft verbinden. Mit diesen Schiffen, so glauben Sir John Franklin und seine britischen Auftraggeber, müsste es zu schaffen sein, die legendäre Nordwestpassage zu finden, die Seestrecke zwischen Europa und Asien entlang der Nordkante des nordamerikanischen Kontinents.
Doch alles geht schief, was schiefgehen kann: Die Expedition startet im Jahr 1845, sie ist schlecht vorbereitet und vor allem unzureichend ausgerüstet. Statt richtig guter Winterkleidung hat man lieber teure Weine an Bord, um ein Beispiel zu nennen. Doch bereits im Herbst werden beide Schiffe nördlich von Kanada im ewigen Eis eingeschlossen, einen langen Winter lang.
Im Sommer 1846 schaffen es beide Schiffe gerade mal einige hundert Seemeilen, dann sind sie wieder eingeschlossen. Diesmal dauert das eisige Gefängnis nicht nur einen Winter, sondern zwei Winter lang, und die Verzweiflung der Besatzung wächst ins Unermessliche. Zu allem Überfluss taucht ein seltsames Monster aus dem Eis auf, das immer wieder angreift und einzelne Besatzungsmitglieder tötet. In letzter Not greifen die eingeschlossenen Männer nach der letzten Chance: Sie brechen zu einem Marsch über das zugefrorene Eis auf, um nach Monaten hoffentlich eine Siedlung zu erreichen ...
Dan Simmons, durch Romane wie »Hyperion« als einer der wichtigsten zeitgenössischen Science-Fiction-Autoren anerkannt, verfasste mit »Terror« einen historischen Roman, der seinesgleichen sucht und von der Kritik überall gelobt wurde. Seine Beschreibungen sind unglaublich dicht, seine Charaktere lebendig geschildert - man fühlt als Leser mit den eingeschlossenen Männern und ihren Ängsten, man erlebt hautnah das grausige Leben in einem Schiff, das langsam zwischen Eisschollen zerdrückt wird. Kurze Kapitel, die aus der Sicht einzelner Besatzungsmitglieder geschildert werden, sorgen dafür, dass der Leser atemlos durch die Seiten hetzt.
Minutiös folgt der Autor der tatsächlichen Geschichte der Franklin-Expedition, deren wirkliches Ende bis heute zu den großen Mythen der Forschungsgeschichte gehört. Die Männer und ihre Schiffe verschwanden nämlich tatsächlich spurlos; es gibt allerdings wenige Hinterlassenschaften, aus denen hervorgeht, dass sie kläglich umkamen und es gegen Ende zahlreiche Fälle von Kannibalismus gab.
Doch Simmons wäre nicht der SF- und Horror-Autor, wenn er nicht ein fantastisches Element eingebaut hätte: das Monster, das - wie sich später herausstellt - offensichtlich mit dem mythischen Tuunbaq identisch ist, einer Sagengestalt der Inuit (oder Eskimos). Je weiter der Roman voranschreitet, desto stärker wird der Einfluss dieser Horror-Gestalt; in Form einer jungen Inuit-Frau dringen auch die Mythen der Ureinwohner in das Leben zumindest einiger »Terror«-Besatzungsmitglieder ein. Somit ist der Roman auch für jene Leser interessant, die historische Romane eher weniger mögen und sich vor allem für Fantasy und Horror begeistern können.
Der Roman ist 992 Seiten stark und wurde von Heyne als schön gestaltetes Hardcover mit Schutzumschlag publiziert. »Terror« kostet 22,95 Euro und kann mit Hilfe der ISBN 978-3-453-02905-7 überall im Buchhandel bestellt werden, selbstverständlich auch über Versender wie amazon.de.
Wer sich eingehender über das Buch informieren möchte, erhält auf der Produktseite des Verlages die ersten vierzig Seiten des Romans als
Leseprobe. Darüber hinaus gibt es eine informative
Homepage über Leben und Werk des Schriftstellers Dan Simmons - hierfür sind allerdings Englisch-Kenntnisse von Nöten.
Klaus N. Frick