12. Dezember 2007
Als einen »Ruhrgebietsroman in drei Teilen« bezeichnet der Untertitel den Charakter von
Hartmut Kaspers erstem eigenständigen Prosa-Werk in Buchform: »Drei-Männer-Eck« erschien im Herbst des Jahres im kleinen
Asso-Verlag und bringt dem Leser auf 160 Seiten ein Bild Nordrhein-Westfalens nahe, wie man es bislang nicht kannte.
Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Roman, sondern um drei Erzählungen, in die sich wiederum zahlreiche kleine und kleinste Geschichten einweben: Schildert die Erzählung »Squads« noch die Geschichte von drei jugendlichen Freunden über die Jahrzehnte hinweg, geht es bei »Würfeln mit Einsteins Gehirn oder Das Senfglas« um die Darstellung einer kinderlosen Beziehung in Zeiten familiärer Dauerkrisen. »Die Jäger von Gelsenkirchen« nimmt den Ausbruch einer Wölfin aus dem Zoo zum Anlass, erneut Menschen mit all ihren skurrilen Schwächen vorzustellen.
In einer fast unaufhaltsamen Flut schräger Begegnungen, witziger Einblendungen und klarer Dialoge führt der Autor den Leser durch seine Sicht auf das Ruhrgebiet. Das Drei-Männer-Eck auf dem Bahnhofsvorplatz von Wanne-Eickel wird dabei zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, genauer: der vielen Geschehnisse. Der Bergmann, der Eisenbahner und der Binnenschiffer, sie versinnbildlichen in dieser Skulptur das klassische Ruhrgebiet, das es in dieser Form nicht mehr gibt.
Hartmut Kasper ergänzt es durch Jäger und Karnevalsfreunde, um Lehrer und Nymphomaninnen, um »Kinderverwirronkel« und Senfglasdiebe.
Wir erfahren in diesem Buch seltsame Dinge, in einer kunterbunten Melange angeordnet, deren Reiz sich der Leser kaum entziehen kann: Wer wusste sich bislang vorzustellen, welche Gedanken einem Bürgermeister durch den Kopf gehen, während er tanzenden Faschingsprinzessinen zuschaut? Und wer hatte bisher eine Vorstellung davon, nach welchen Kriterien ehemalige Zivildienstleistende ihre bürgerlichen Karrieren planen?
Scharfzüngige Dialoge und knappe Beschreibungen zeigen, dass man als Autor nicht immer viel und ausführlich schreiben muss, um Dinge beim Namen zu nennen und klare Geschichten zu vermitteln. Familienfeiern und kirchliche Ereignisse werden sauber, klar und knapp skizziert, Gerichtsverhandlungen und unehelicher Sex finden sich ebenfalls:
Hartmut Kaspers Werk wildert buchstäblich in allen Bereichen des menschlichen Lebens, fördert es zutage und macht es unter neuem Licht ganz anderes lebendig.
Kaspers Charaktere sind bei aller Überspitztheit echte Menschen, sofern literarische Gestalten überhaupt »echt« sein können und verhalten sich entsprechend. Ihre Themen sind Geschlechtsverkehr und Stuhlgang, Darmwinde und Religion, nicht aber unbedingt in der hochtrabenden Art, wie man sie in der Literatur gern findet, sondern so geschrieben, wie es Menschen des Ruhr-Volkes wohl eher aussprechen. Der Autor beobachtet seine Landsleute seit bald fünfzig Jahren, und das merkt man seinem Werk auch an.
Ich habe mich als Leser bestens unterhalten und blätterte immer wieder zurück, um mich an mancher sprachlicher Akrobatik ein zweites Mal zu erfreuen. Sicherheitshalber möchte ich aber anmerken, dass dies kein gar so leichtes Buch ist. Zwar sind die einzelnen Episoden stets leicht und locker zu lesen, dennoch wäre ein Vergleich zu den derzeit beliebten humoristischen Romanen etwa eines Tommy Jaud unberechtigt.
Schon jetzt bin ich mir sicher, dass dieses Buch eines von jenen sein wird, die ich bei Gelegenheit aus dem Regal kramen werde, um darin zu lesen: Die vielen Episoden laden geradezu ein, sich immer wieder auf ein neues Lese-Abenteuer einzulassen und teilzuhaben an
Hartmut Kaspers Blick auf eine sich wahnwitzig gebärdende Welt. Ich fand's schlicht und ergreifend brillant, und ich hoffe, dass das »Drei-Männer-Eck« noch viele Freunde finden wird.
Erschienen ist das Buch im Asso-Verlag; mit Hilfe der ISBN 978-3-938834-26-8 ist es in jeder Buchhandlung und auch über Versender wie
amazon.de zu bestellen. Es kostet 16,90 Euro.
Klaus N. Frick