29. August 2007
Seit vielen Jahren gilt Heinz J. Galle als ausgewiesener Fachmann für populäre Literatur in Deutschland. Zuletzt erschienen von ihm drei umfangreiche Paperbacks unter dem Titel »Volksbücher und Heftromane«, die in verdienstvoller Arbeit die Entwicklung der Unterhaltungsliteratur seit dem Kaiserrreich nachzeichnen - für jeden, der sich mit populären Medien im weitesten Sinne beschäftigt, eine unglaubliche Fundgrube.
Mit dem neuen Buch »Zwischen Tecumseh und Doktor Fu Man Chu« liegt jetzt ein Ergänzungsband vor, der sich zu Recht im Untertitel als »Ein Almanach für populäre Literatur und Filme« bezeichnet. Im Prinzip handelt es sich um eine Sammlung von Aufsätzen, lose verbunden durch das gemeinsame Thema: Massenunterhaltung seit den Zeiten der Weimarer Republik, die von den herkömmlichen Forschern häufig abgelehnt wird.
Auf 190 Seiten beschreibt Heinz J. Galle verschiedene Ausprägungen der Volksunterhaltung, die heutzutage größtenteils vergessen sind. Ob der Stummfilm der zwanziger Jahre oder der Heftroman in Zeiten des Dritten Reiches - dies alles waren Themen, die früher buchstäblich Millionen begeisterten. Die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges vernichteten existierende Sammlungen zu einem großen Teil, und viele wertvolle Einzelstücke gingen unwiderruflich verloren.
Ich fand den Beitrag über »Deutsche Magazine der Weimarer Republik« sehr spannend, weil ich darüber praktisch nichts wusste: So kannte ich zwar »Das Magazin«, das ja in der DDR wiederbelebt wurde und heute noch existiert, ahnte aber nichts von seiner Vorgeschichte. Und selbstverständlich hatte ich nie etwas vom teilweise frivolen Charakter etwa des »neuen Ullstein-Magazins« oder von »Querschnitt« oder »Scherls Magazin« gehört. Galle schildert mit amüsantem Unterton den Inhalt der Magazine, erwähnt dabei auch die phantastischen Geschichten, die enthalten sind, beschreibt dann aber auch das jeweilige Ende der Zeitschriften im aufkommenden Dritten Reich.
Ebenso interessant sind die Beiträge zu bekannten Namen. Wer weiß schon, dass Autoren wie Georges Simenon, der Erfinder des Kommissar Maigret, oder die Amerikaner Dashiell Hammett, Erle Stanley Gardner und Raymond Chandler anfangs als »Schundautoren« zur Kenntnis genommen wurden, Autoren also, die heutzutage zu Klassikern des Kriminalromans gezählt werden? Oder dass später populäre Journalisten, darunter der STERN-Gründer Henri Nannen, während des Dritten Reiches eifrig publizierten - eine Tatsache, die sie später verschwiegen? Heinz J. Galle verfügt über das Wissen und die Archivmaterialien, solche Details der frühen Publikationsgeschichte herauszuarbeiten und seinen Lesern verständlich zu servieren. Sehr lesenswert!
Zu einem besonderen Leckerbissen entwickelt sich das Buch vor allem dann, wenn sich Text und Bild ergänzen: Nicht nur die zahlreichen schwarzweißen Illustrationen sind ein Genuss, darüber hinaus ergänzen Dutzende von Farbbildern die Lektüre. Filmplakate und Heftroman-Titelbilder zeigen die Entwicklung der Unterhaltungsbranche von einer bisher unbekannten Seite aus - für mich nicht nur einmal eine wahre Entdeckung.
Galles unterhaltsamer Stil, in dem sich persönliche Erinnerungen etwa an Kinobesuche während des Krieges oder Romankäufe in den fünfziger Jahren mit wissenschaftlichen Betrachtungen vermischen, passt zum Inhalt. Die Bezeichnung »Almanach« ist von daher angemessen: Es handelt sich hier nicht um ein Fachbuch für den universitären Gebrauch, sondern um ein extrem unterhaltsames Sammelsurium. Klasse!
Das Buch ist nicht im Buchhandel erhältlich und kann darüber auch nicht bestellt werden. Sowohl dem Herausgeber Dieter von Reeken als auch dem Autor ist bewusst, dass das Thema nicht »groß« genug ist, dass es für den Buchhandel eine Relevanz erhält - deshalb der direkte Vertrieb. Eine Bestellung ist deshalb nur über die
Homepage möglich, wo es im übrigen weitere interessante Bücher gibt.
Klaus N. Frick