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Kurzinfo
 Verborgene Universen
von Lisa Randall
ISBN: 978-3-10-062805-3






30. Mai 2007

Klaus N. Frick empfiehlt:
Faszinierendes Sachbuch zum Mitdenken

 
Man mag es seltsam finden, aber ich habe in meinem Urlaub ein Sachbuch gelesen, das derart viel Stoff zum Nachdenken bot, dass ich manches Kapitel zwei- und dreimal las. Vielleicht ist es manchem eine merkwürdige Vorstellung, am Strand zu sitzen und sich mit der Stringtheorie oder dem Higgs-Teilchen zu beschäftigen - ich tat es. Der Grund liegt auf der Hand: Wann fand ich in den letzten Jahren einmal die Zeit, mich zwei Wochen lang mit hochkomplexen Themen dieser Art zu beschäftigen?

Supersymmetrie, Stringtheorie, Branenwelten, Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten und aufgerollte Extra-Dimensionen: Die Physik der letzten zwanzig Jahre stieß in Bereiche vor, die sich dem Verständnis des interessierten Laien größtenteils entziehen. Wann immer ich darüber Artikel las, waren sie entweder so trivial und im »Spiegel«- oder »Focus«-Deutsch geschrieben, dass hinterher nicht viel Wissen bei mir hängen blieb, oder sie waren so komplex, dass ich nach beendeter Lektüre tatsächlich nicht schlauer war.

Dabei sind genau diese physikalischen Themen für Science-Fiction-Fans von großem Interesse, verraten sie uns doch mehr über das Universum, in dem wir leben, und geben möglicherweise Raum für weitere Ideen und kühne Gedankenkonstruktionen. Lisa Randall ist Physikerin, keine SF-Autorin, und sie beschäftigt sich unter anderem mit Branenwelten und den daraus resultierenden Folgen: Wie kann - um es absichtlich grob zu formulieren - beispielsweise die Gravitation von einem Universum (also einer Brane) in ein anderes wechselwirken, durch die »Zwischenwelt« des Bulk hindurch?

Da Lisa Randall in ihrer Jugend selbst von wissenschaftlichen Büchern fasziniert war, schrieb sie eines über ihr eigenes Forschungsgebiet. Es ist als Hardcover im Fischer-Verlag erschienen und hat mich komplett begeistert. Die Autorin liefert mit ihrem Werk »Verborgene Universen - Eine Reise in den extradimensionalen Raum« (der amerikanische Originaltitel »Warped Passages. Unraveling the Mysteries of the Universe's Hidden Dimensions« ist meiner Ansicht nach weitaus zutreffender) nicht nur einen Einblick in ihr Forschungsgebiet, sondern ebenso eine willkommene Darstellung der physikalischen Theorien und Entwicklungen des 20. sowie des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie werden in recht verständlicher Weise zusammengefasst, die Quantenmechanik in ihren verschiedenen Variationen beleuchtet und die Teilchenphysik bis hin zu den Wechselwirkungen erläutert, die Stringtheorie und die Theorie der Branenwelten bilden dann den Höhepunkt. Als Ausblick stellt Lisa Randall jene Forschungsbereiche vor, in denen sie tätig ist: die Suche nach anderen Dimensionen, die das Universum möglicherweise in einer Weise beeinflussen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Das Buch wird dank der zahlreichen Beispiele, die Randall gibt, sehr gut lesbar. Auch wenn man als interessierter Laie nicht jedem ihrer Gedankengänge folgen kann - zu weit vom gewöhnlichen Menschenverstand sind Branenwelten und Extradimensionen entfernt -, so schafft sie es, durch kleine »Kurzgeschichten« sowie anschauliche Erläuterungen ein Verständnis für das physikalische Denken zu finden. Dass sie keine Wissenschaftlerin ist, die im Elfenbeinturm vor sich hinforscht, zeigt sich übrigens auch daran, dass die jeweiligen Kapitel stets durch passende Zitate aus Pop- und Rocktiteln eingeleitet werden.

Gewisse Grundkenntnisse sollte man für die Lektüre allerdings mitbringen: Wer noch nie von Quarks oder dem Standardmodell gehört hat, und wer bislang nicht wusste, wie Atome im Prinzip aufgebaut sind, wird bei diesem Buch scheitern. Alle anderen jedoch, die bislang immer wieder in Artikeln, beispielsweise in »Bild der Wissenschaft«, über solche Themen stolperten, haben künftig ein Handbuch und ein Nachschlagewerk zur Hand - und ein Buch, das man in einem Jahr noch einmal lesen kann.

Wobei hier die nahe Zukunft sowieso spannend wird: Je nachdem, wie der neue Teilchenbeschleuniger am CERN in der Schweiz funktionieren wird und welche Erfolge zu erwarten sind, kann man für die Physik neuartige Erkenntnisse erwarten. Vielleicht wird dann das Higgs-Teilchen experimentell nachgewiesen, und viele bisherige Theorien werden dadurch bestätigt oder verworfen; vielleicht findet man die ersten der sogenannten Superpartner oder gar Kaluza-Klein-Teilchen.

Spätestens dann ist klar, dass Lisa Randall und ihre Kollegen die Tür zu einer wahrhaft neuen Dimension und zu einem neuen Bild vom Universum aufgestoßen haben. Im Augenblick markiert ihr Buch »Verborgene Welten« einen wertvollen Zwischenschritt inklusive ihrer eigenen Überlegungen und Theorie-Arbeiten.

Ich halte das Buch für hervorragend. Nicht, weil ich alles kapiert hätte: Branenwelten entziehen sich noch immer meinem Verständnis, auch wenn mir das Prinzip einigermaßen einleuchtet, und die Stringtheorie ist mir derzeit noch zu theoretisch und abgehoben, als dass sie viel mit unserer wirklichen Welt zu tun hätte. Aber Lisa Randalls Buch zeigt, dass diese Themen spannend sind, und sie schafft es durchaus, ihre eigene Faszination auf den Leser zu übertragen.

Das Buch ist als Hardcover im Fischer-Verlag erschienen, umfasst 550 Seiten und kostet 19,90 Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3-10-062805-3 ist es in jeder Buchhandlung zu beziehen, selbstverständlich auch über amazon.de.

 Klaus N. Frick