12. März 2007
Die Massenarbeitslosigkeit, in Deutschland längst zu einer dauerhaften Einrichtung geworden, schafft neue Bedingungen auch für Akademiker: Vorbei sind die Zeiten, in denen sie leicht einen Arbeitsplatz fanden und in denen die Arbeitgeber nach Abschluss ihrer Universitätskarriere nur auf sie warteten. Wer ein anspruchsvolles Studium etwa im Bereich der Geisteswissenschaften absolviert, dem bleibt häufig nichts anderes übrig, als sich in eine Warteschleife aus Praktika und »Maßnahmen« des Arbeitsamtes einzureihen.
Soweit die Realität. Dieser Realität setzen die Helden des Romans »Voll beschäftigt« eine eigene Initiative entgegen: Der Ich-Erzähler sowie sein Freund und Mitbewohner Hartmut gründen ein »Institut für Dequalifikation«, und in diesem wird versucht, anspruchsvoll denkenden Menschen eben dieses Gedankengut auszutreiben. Aus Geisteswissenschaftlern werden Bauarbeiter oder Packer für UPS, Kunstwissenschaftler werden zu Malern und Anstreichern umgeschult, und wer bisher Stockhausen-Klänge bevorzugte, wird dazu verdonnert, Böhse Onkelz oder Tote Hosen gutzufinden.
Zwischendurch lässt Oliver Uschmann, der Autor des vorliegenden Romans, seine Helden auf ein Open-Air-Festival in der Bochumer Innenstadt stolpern oder sich mit örtlichen Baubehörden herumschlagen, ein irrwitziges Geschäftsmodell entwickeln oder beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt teilnehmen. Dies schildert er mit viel Verständnis für Situationskomik und zugespitzte Dialoge, mit ironischem Blick auf aktuelle Lebensentwürfe und mit viel Freude an haarsträubenden Geschichten, die so - wahrscheinlich - nur das Leben schreiben könnte. Und dazu gibt es eine Liebesgeschichte, die allerdings ein wenig anders verläuft als übliche Love-Stories und trotzdem ein gutes Ende findet.
Der Autor, längst verheirateter Familienvater, dürfte einige Erfahrungen selbst gesammelt haben, die er in diesem Buch verarbeitet: Ob das nun das Studium ist oder das Besuchen lauter Musikveranstaltungen - der Autor, der seine Brötchen ansonsten als Redakteur der Zeitschriften »Visions« und »Galore« verdient, weiß sehr genau, wovon er schreibt.
Wobei man dem Buch unterstellen muss, dass es bei aller Ironie nicht ohne knallhartem Realitätsbezug auskommt. Bisherige Versuche, Menschen für irgendwelche Arbeiten zu qualifizieren, haben den Betroffenen häufig nicht geholfen und stattdessen eine Industrie von Hilfsinstitutionen erzeugt, die unzählige Milliarden an Steuergeldern und Sozialversicherungsbeiträgen vernichtet - mit durchaus zweifelhaftem Erfolg. Vielleicht wäre ein Institut für Dequalifikation gar nicht einmal so schlecht, vielleicht sollte ein solches einmal ernsthaft versucht werden.
Vielleicht aber genügt es, wenn möglichst viele Leute den Roman »Voll beschäftigt« lesen. Sie sollten ihn allerdings nicht ernst nehmen; gerade Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen oder auf Arbeitssuche könnten möglicherweise verärgert werden und das ganze überhaupt nicht lustig finden. Sinn für abseitigen Humor und manchmal grobe Späße sollte man für die Lektüre nämlich mitbringen.
Der Roman ist als Taschenbuch bei
Fischer erschienen; die 318 Seiten kosten 8,95 Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3-596-17125-5 kann das Buch in jeder Buchhandlung bestellt werden, ebenso bei amazon.de. Der Autor hat übrigens eine eigene
Homepage, in der über seine Bücher sowie die Helden berichtet wird - sehr amüsant!
Klaus N. Frick