12. Februar 2007
Ich las die Novelle »Blumen für Algernon« irgendwann anfangs der 80er Jahre, als sie in einer Anthologie des Hohenheim-Verlages erschien. Damals war ich schwer beeindruckt von der zu Herzen gehenden Geschichte. Umso besser, dass im Jahr 2006 die Romanfassung des mehrfach preisgekrönten Werks in einer neu bearbeiteten Übersetzung als Hardcover bei Klett-Cotta publiziert wurde.
Und ich will's gleich vorwegnehmen: Das Buch gehört zu den wichtigsten Science-Fiction-Romanen der 50er und 60er Jahren; es wurde verfilmt und ist eine ideale Lektüre auch für jene Menschen, die ansonsten glauben, Science Fiction bestünde nur aus Geschichten, in denen Raumschiffe durchs Weltall fliegen und allerlei Strahlenkanonen abgefeuert werden.
Erzählt wird die Geschichte des geistig zurückgebliebenen Charlie Gordon, der als Hilfsarbeiter in einer Bäckerei tätig ist und sich nicht mehr wünscht, als endlich ein kluger Mensch zu sein. Als man ihn für ein Experiment auswählt, bei dem seine Intelligenz gesteigert werden könnte, geht für Charlie ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung.
Mit Hilfe sogenannter Fortschrittsberichte hält Charlie fest, wie sich sein Leben verändert: Zuerst wird er nur langsam intelligenter, dann immer schneller, bis er schließlich einen Stand erreicht, der ihn von einer unglaublich hohen Warte auf »normale Genies« hinunterblicken lässt. Auf dem Höhepunkt seiner Intelligenz allerdings erkennt er, dass ihm der Rücksturz in das Stadium des Halbschwachsinnigen bevorsteht ...
Auch wenn man als Leser weiß, wie die Geschichte ausgeht - weshalb meine kurze Zusammenfassung keine wirkliche Pointe verrät -, liest sich der Roman erschütternd. Der junge Mann, anfangs kaum in der Lage, einen vernünftigen Satz zu sprechen, verändert sich in einem unglaublichen Tempo. Aber er ist nicht in der Lage, die Veränderungen seiner Gefühle zu verstehen und ihnen einen vernünftigen Rahmen zu geben. Charlie ist eine tragische Figur, die nichts anderes will, als von anderen Menschen geliebt zu werden - und im Rahmen seiner Berichte wird dem Leser immer stärker klar, warum er sich wie verhält.
Der Roman ist vielschichtig - die psychologische Struktur der Hauptfigur ist glaubhaft und wird durch immer neue Facetten ergänzt. Die Veränderung drückt sich in der Sprache aus: Anfangs wirkt der Stil der Fortschrittsberichte extrem schlicht und steckt vor allem voller Fehler, aber im Verlauf des Buches werden sie immer komplexer und komplizierter. Im Prinzip handelt es sich bei dem Roman um eine Parabel auf die moderne Wissenschaft, die den Menschen der 50er Jahre häufig genauso fremd war wie sie es heutzutage oft ist.
Der 1927 in New York geborene Daniel Keyes wusste, wovon er schrieb. Er studierte Psychologie, bevor er als Redakteur und Fotograf arbeitete. Neben »Flowers for Algernon«, so der Originaltitel des vorliegenden Buches, verfasste er unter anderem den faszinierenden Roman »Die Leben des Billy Milligan«, in dem es um multiple Schizophrenie geht. Der Roman erschien in den 80er Jahren im Rahmen der Heyne-SF-Reihe, und ich las ihn mit Begeisterung - auch wenn es alles andere als ein »echter« SF-Roman ist.
Die Neuauflage von »Blumen für Algernon« ist jedem Leser zu empfehlen; dieses Meisterwerk der Science Fiction sollte in keinem Bücherregal fehlen. Mich hat es auch bei erneuter Lektüre gepackt, ich wurde von den packenden und ergreifenden Beschreibungen gepackt und fast zu Tränen gerührt. Es ist unterhaltsam und spannend, mitreißend und traurig, und es lässt einen bei der Lektüre nicht kalt. Ein wichtiges Buch, das aus gutem Grund in dieser schönen Aufmachung neu aufgelegt wurde.
Die aktuelle Ausgabe des Buches ist als Hardcover bei Klett-Cotta erschienen. Die 298 Seiten kosten 19,50 Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3608937824 kann das Buch in jeder Buchhandlung bestellt werden, ebenso bei den bekannten Versandbuchhändlern wie beispielsweise amazon.de.
Übrigens: Die
Homepage des Autors bietet weitere Hintergründe zum Buch bis hin zu einer »Writer's Journey«, in der Daniel Keyes über die Entstehung seiner Romane informiert. Und selbstverständlich gibt es auch weitere Hintergründe zu Algernons Geschichte.
Auf der Homepage des deutschen Verlages
Klett-Cotta gibt es sogar eine Leseprobe. Sie zeigt sehr deutlich, die Entwicklung, die Charley in seinen Fortschrittsberichten zurücklegt - ein guter Einblick in einen beeindruckenden Roman.
Klaus N. Frick