13. Oktober 2006
Wenige Unterhaltungsprodukte in Print-Form - wie man das so schön nennt - sind mit PERRY RHODAN zu vergleichen, nur wenige haben so viele Jahrzehnte überdauert und sind auch heute noch erfolgreich. Schaue ich mich in der Branche um, stoße ich immer wieder auf Comics. Einer dieser »Evergreens« ist die Serie »Batman« mit den Abenteuern des düsteren Detektivs in der Stadt Gotham City, ein anderer ist aber »Spirou«, eine Funny-Serie, in der mittlerweile schon mehrere Dutzend Alben erschienen sind.
Seit in den vierziger Jahren die ersten Geschichten um den Hotelpagen Spirou und seinen Freund, den Journalisten Fantasio, erschienen sind, haben sich die grundsätzlichen »Eckpunkte« kaum geändert: Nach wie vor wirken die beiden Helden jugendlich und frisch, gehen unbekümmert in die haarsträubendsten Abenteuer und treffen bei ihren Reisen immer wieder auf alte Bekannte.
Längst zeichnen neue Künstler die Abenteuer von Spirou und Fantasio, nachdem der geniale Franquin die Serie vor Jahrzehnten geprägt hatte; längst gibt es mit »Der kleine Spirou« einen erfolgreichen Ableger. Jetzt aber riskierte der französische Originalverlag Dupuis darüber hinaus eine Modernisierung der schon zur Tradition gewordenen Comic-Serie: In abgeschlossenen Sonderbänden dürfen Zeichner und Autoren tätig werden, ohne sich um die Chronologie der Serie zu kümmern.
Der Autor Fabien Vehlmann und der Zeichner Yoann zeichnen für das Album »Die steinernen Riesen« verantwortlich, das im Sommer 2006 hierzulande in einer »Spezial«-Reihe im Carlsen-Verlag veröffentlicht wurde. Beide sind keine Unbekannten in der Comic-Szene mehr. Mit »Green Manor« (hierzulande als Fortsetzung in der Zeitschrift »Zack« sowie in Albumformat publiziert) sorgte Vehlmann für Aufsehen, während Yoanns »Toto das Schnabeltier« hierzulande noch nicht vorliegt.
Das Abenteuer bleibt rein inhaltlich schon klassisch: In bester James-Bond-Tradition stürzen sich die beiden Helden auf die Jagd nach einer uralten Zivilisation in der Südsee. Faszinierende Einblicke in die Unterwasserwelt, ein spektakuläres U-Boot und andere Details sorgen für direkten Bezug zu bisherigen Abenteuern. Mit riesenhaften Unterwassersauriern und der gigantischen Unterwasserstadt ist übrigens ein »phantastischer Charakter« gegeben, der auch SF- und Fantasy-Fans gefallen sollte.
Den Bruch stellen aber vor allem die Zeichentechnik sowie die Änderung der Hauptfiguren dar: Spirou trägt nicht mehr seine bisherige Uniform, sondern rennt mit einer »normalen« roten Jacke und Stoffturnschuhen durch die Gegend, während Fantasio mit einer hübschen Blondine dezente Zärtlichkeiten austauscht. Der Comic wirkt »erwachsener«, gleichzeitig nicht mehr so klar und eindeutig wie die früheren Geschichten etwa aus den 60er Jahren.
Auch die Geschichte ist übrigens »anders«. Sie wirkt geheimnisvoller, nicht mehr so leicht und locker. Die Jagd nach Geld und uralten Schätzen wird nicht nur als spannendes Abenteuer präsentiert, sondern auch kritisch hinterfragt. Es gibt Flirts und Küsse, hinzu kommt eine heftigere Action als gewöhnt und ein Humor, der weit entfernt ist vom harmlosen Funny der Frühzeit.
Das Album beweist allerdings, dass eine so »alte Serie« wie »Spirou« tatsächlich einige Korrekturen und Modernisierungen verträgt, ohne dass die Tradition komplett über Bord geworfen wird. Der langjährige Fan der Serie - also Leser wie ich - kommt bei dem Album nach wie vor auf seine Kosten, wird mit einer spannenden Geschichte, einigen amüsanten Situationen und einem interessanten Zeichenstil belohnt, und derjenige, der gerne Experimente mag, erhält die Chance, einen neuen Zeichner und einen neuen Autor kennenzulernen.
Das ganze ist in meinen Augen ein sehr gutes Experiment, auf dessen Fortsetzung ich schon jetzt gespannt bin.
Erschienen ist der Band als Comic-Album; bei einem Umfang von 64 Seiten kostet es zehn Euro. Mit der Bestellnummer 3-551-77691-1 könnt Ihr es in jeder Buchhandlung bestellen - oder auch driekt bei Amazon.de.
Klaus N. Frick